BERLIN /D/

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PROGRAM
BERLIN ARTIST
BERLIN Leporello

VERLORENE VISIONEN –
DAS PROJEKT “PRIVATER NATIONALISMUS”, BERLIN

Heute scheint die Idee der Multikulturalität und die sich daran anschließende Vorstellung vom
friedlichen Zusammenleben ins Wanken geraten zu sein. Diese Idee ist nie mehr als eine ideale
Utopie gewesen und wird niemals mehr sein. Denjenigen, die der Idee der Multikulturalität kritisch
gegenüberstehen, ist es wichtig, sich von diesem Konzept abzugrenzen, und noch weiter, dieses
Ideal abzulehnen: Seitdem der Glaube an Multikulturalität nur dazu geführt hat, die tatsächlichen
gesellschaftlichen Spannungen und kulturellen Dierenzen zu maskieren, könnte deren Abschaf

fung zu Integration führen. Der europäische bürokratische Humanismus, die mächtige Verbin

dungskraft, die von ihrer eigenen Scheinheiligkeit ausgeht, benutzt mit Vorliebe den Ausdruck
“Integration”.

Über Integration zu sprechen bedeutet dabei, ein Mindestmaß an friedlichem Zusammenleben zu
gewährleisten, als Grundlage, um Multikulturalität zu wahren

Die Frage ist nicht, ob es eine Lösung sein kann, die Idee der Multikulturalität vollständig preiszu

geben, um gesellschaftliche Spannungen zu verringern. Vielmehr muss herausgefunden werden,
was die konkreten Absichten, Ansichten, Vorurteile, Erwartungen und Ziele sind. Ohne dies geklärt
zu haben, ist es unmöglich, in irgendeiner Form einen Diskurs anzustoßen, und einen für alle
annehmbaren Kompromiss zu formulieren. Möglicherweise bedingt die Idee eines Kompromisses
alles andere, wenn sie ihre Aufgabe darin sieht, Alltagsrealität zu werden.

Ohne Kompromisse bleibt uns eine bürokratische Humanität, die in der Vergangenheit ihre Unzu

länglichkeit bewiesen hat; die nach Integration schreit, während sie Assimilierung erwartet.
Was also bleibt, sind dysfunktionale Lösungsstrategien für Probleme und politisch korrekte Selbst

distanzierung. Was bleibt, ist die Möglichkeit, in eine imaginierte Gesellschaft zu flüchten, wo alles
vorgegeben ist und sich von selbst versteht, wo Kompromisse nicht erforderlich sind. Ohne eine
Notwendigkeit etwas zu bauen, zu schaen, zu lernen, zu ändern, nur um zu beschützen,
das jedoch um jeden Preis: Das ist das Versprechen des Nationalismus.

Die ausgestellten Arbeiten veranschaulichen eine Untersuchung und kritische Reflektion dieser
Möglichkeit. Unter anderem versucht Martin
PIAČEK
s (SK)
Self-Portrait as a Bust of Milan Rastislav

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Štefánik (Selbstportrait als Büste Milan Rastislav Štefániks)
die Vorstellung vom Nationalhelden zu
unterwandern. Das Werk zeigt in Form einer “lebendigen Skulptur”, was mit dem Körper im histori

schen Raum eigentlich geschieht. Die abstrakten Prinzipien rauben dem Körper seine unersetzli

chen Attribute. In seiner Arbeit beschreibt
PIAČEK
diesen Konfrontationszustand

Alban
MUJA
s (KOS)
My name, their cities (Mein Name, ihre Städte)
zeigt das Wesen der privaten
Natur des Nationalismus – die Art und Weise, wie eine ethnische Gemeinschaft  wehmütige Verbun
Saranda2
denheit zu einem imaginierten Vaterland auf der kleinsten und damit vertrautesten Gesellschaftse

bene zum Ausdruck bringt.

Die Neuausrichtung der Ausstellung läuft jedoch fast darauf hinaus, das Konzept zu zerstören, was
den Gedankengang des Projekts zusammenfasst. Die Veranstaltungsreihe versucht in erster Linie
die private Natur von Nationalismus aufzuzeigen. Gleichzeitig ist das Phänomen des Nationalismus
im Zuge sich allmählich verschärfender Spannungen in der Gesellschaft und aufgrund historischer
Umbrüche unserer jüngsten Vergangenheit neubewertet worden, um wiederum zu einer Illusion
zu werden, mit der die Gemeinschaft mitfühlen und aufleben kann: eine Religion.

Das Konzept der Berliner Ausstellung stellt den Gedanken von Kunst & Aktivismus stärker heraus,
um eine Handlungs- und Ausdrucksform zu oerieren, die mit einer vordergründig ethischen und
nicht politischen Haltung gegenüber Künstlern, die für gesellschaftliche Probleme und daraus
folgende Spannungen sensibilisieren, einhergeht.

Die Projekte
Nashi (Naschi)
von Daya
CAHEN
(NL) und
New Nationalism (Neuer Nationalismus)
von
Tomas
RAFA
(SK), Video-Arbeiten von dokumentarischem Wert, lenken beide unsere Aufmerksam

keit auf Spannungen, die der Nationalismus beherrscht und  eskalieren lässt. Diese Video-Instal

lationen zeigen die dokumentierten Ereignisse unter verschiedenen Gesichtspunkten:
Nashi
(Naschi)
still Daya Cahen 1

– ein anscheinend harmloses Jugendcamp,
New Nationalism (Neuer Nationalismus)

Massenproteste von Rechtsextremen in osteuropäischen Ländern und die unterschiedlichen
Formen der Segregation. Die zwei Arbeiten repräsentieren in der Tat die Extreme, die der Nationa

lismus schürt und denen es an jeglicher Konstruktivität mangelt, und die sich in demütigender
Überregulierung und unkontrollierter Zerstörung ausprägen.

Die Vielfalt der Sichtweisen erlaubt uns nicht bloß einen flüchtigen Eindruck von der Komplexität
des Nationalismus und seiner Auswirkungen, was nicht nur die aktuellen Absichten, Vorurteile,
Erwartungen und Ziele abbilden. Kreatives Schaen inspiriert den Betrachter dazu, sich selbst
aktiv zu betätigen.

Im Fokus des Projekts standen die Ausstellungen, die um weitere Programmteile ergänzt wurden:
interaktive und begleitete Führungen durch die Ausstellungen, Filmvorführungen, Roundtable-Dis

kussionen. Diese Rahmenveranstaltungen ermöglichten es, kritische Aspekte geäußern zu
äußern, und boten der Öentlichkeit einen Reflektionsraum, damit der Kompromiss nicht bloß als
fehlgeschlagene Idee zurückbleibt.

Die Abschlußveranstaltung von
“Private Nationalism”
findet vom 11. Februar bis 6. März in Berlin
statt, organisiert von der Approach Art Association und Apartman Project Gallery. Die Kuratorinnen
der Ausstellung sind die in Berlin lebende bildende Künstlerin Selda Asal und die bildende Künstlerin
und Projektleiterin Rita Varga.